Die Tage vor der Grenzschließung

So ist das mit dem Leben. Es ändert sich unter Umständen sehr schnell. Nun haben wir Monate nach China gelinst und waren relativ sorglos. Uns wurde ja versichert, Corona sei wie ein Schnupfen, die Grippe sei viel schlimmer und überhaupt der Westen und insbesondere Deutschland und sein super ausgebautes Gesundheitssystem seien hervorragend gerüstet. Man konnte noch in aller Narrenruhe Fasching feiern und in den Skiurlaub. Aus dem Skiurlaub konnte man auch noch zurück. Zurzeit allerdings überschlägt sich alles hier in Europa. Wir als GrenzgängerInnen in der Großregion Saarlorlux erleben diese für alle sehr emotionale Zeit ganz speziell. Es ist etwas anderes, ob man plötzlich ein- und ausgeperrt gleichzeitig ist oder ob Grenzen nicht mehr sichtbar sind und auch nicht mehr empfunden werden. Wie trügerisch dieser Eindruck doch war. Fast 20 Jahre fahren wir hier über unsichtbare Grenzen und plötzlich – zack- da sind sie wieder. Drei kontrollierte Grenzübergänge sind zwischen dem Saarland und dem Département Moselle noch übrig…

So kam es also am 15. März zu einer für mich unerwarteten „Flucht“ ins Saarland und am 17. März wieder zurück nach Lothringen. Was hatte sich abgespielt? Grand Est, im übrigen aus 10 Départements bestehend, wurde vom Robert-Koch Institut am 12.März als Pandemierisikogebiet eingestuft. Es häuften sich die Meldungen darüber, welche Betriebe ihre ArbeitnehmerInnen aus dem Grenzgebiet nach Hause schickten. Alarmiert fragte ich bei meiner Chefin nach. Aber wir hatten bis dahin keine Anweisungen, unserer Arbeitsplatz zu verlassen. Am nächsten Tag schon änderte sich das. Ich sollte sofort nach Anruf noch die wichtigsten Dinge erledigen und die Einrichtung verlassen. Zu den wichtigsten Dingen gehörte, da ich in einer Schulbetreuung arbeite, die Grenzgängereltern anzurufen und alle darüber zu informieren, dass ihre Kinder am nächsten Tag die Einrichtung nicht mehr besuchen dürfen. Das Kultusministerium hatte ebenso beschlossen, dass deren Kinder die Schule nicht mehr besuchen dürfen. Das war der Donnerstag. So, war ich dann nun plötzlich, nachdem ich den Eltern die Hiobsbotschaften überbracht hatte, bis auf weiteres freigestellt. Aber meine KollegInnen taten mir leid. Nun war komplette Unterbesetzung angesagt. Weniger als die Hälfte aller BetreuerInnen waren noch anwesend, was mich in große Aufregung versetzte. Hätte man Donnerstag gewußt, was Freitag passiert, wäre das ganz überflüssig gewesen. Freitags wurde nämlich veröffentlicht, dass alle Schulen schließen, nachdem es an 2 Schulen im Stadtverband Coronafälle gab. In einer Schule zu arbeiten und zuzusehen, wie nach und nach die Schulen wegen Corona geschlossen werden ist auch nicht lustig. Man fragt sich, wieso gewartet wird, bis ein Fall auftritt, wo man doch weiß, wie agil Kinder sind und mit wem sie alles in Berührung kommen…Daher war ich sehr erleichert, dass endlich ein solcher Beschluss vorlag. Allerdings hätte man sich in Kenntnis seines Kommens die Verärgerung auf Seiten der Grenzgängereltern – und kinder sparen können. Und auch die Verunsicherung der Kinder, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Jetzt mussten ja alle der Schule fern bleiben.

Donnerstags habe ich dann noch meine Mutter besucht, da ich das diffuse Gefühl hatte, dies könnte eventuell auf längere Zeit nicht mehr möglich sein. Als ich Freitag dann nach Hause fuhr und einen Zwischenstopp im Supermarkt in Wellesweiler machte, wollte mich ein Saarländer aus dem Kreis WND, der wahrscheinlich eben aus dem Skiurlaub aus St.Anton zurück war, mit Blicken erdolchen. Ich dachte mir, ich sollte vielleicht doch nicht mehr mit einem französischen Kennzeichen unterwegs sein. Und war froh darüber, dass meine MitbewohnerInnen meine Eindrücke bestätigten.

Für Freitag hatte sich Herr Bouillon dann ja überlegt, dass „Er“ der König himself, die Grenzen schließen werde. Das versetzte mich dann schon in helle Aufregung. Aber jeder versicherte mir, diese sei komplett überflüssig. Schließlich sei ich ja deutsche Staatsbürgerin und insofern dürfe ich immer einreisen…Okay, die Beruhigungspille war zunächst wirksam. Bouillon hat übrigens mit seinem Alleingang jeden noch übrigen Respekt bei mir verloren. Mit dem Europaministerium war überhaupt nichts abgestimmt und dieses hopste wohl im Dreiländereck um Schadensbegrenzung zu betreiben.

Meanwhile in der Apotheke von Grosblie angekommen, wartete ich geduldig ein Gespräch zwischen der Apothekerin und einer Kundin ab, um nach Beratung zu fragen. Die Unterhaltung drehte sich über längere Zeit, meine Geduld doch etwas strapazierend, um das unmögliche Vorgehen der saarländischen Regierung und um die Haltung der Saarländer im allgemeinen, die Arbeitsverbote, die Verbote das Unigelände zu betreten, die Verbote, die Schulen zu besuchen. Diese beiden Französinnen waren mitnichten amüsiert. Und im Anschluss wurde ich gefragt, wieso ich dieses Produkt denn nicht in D kaufe, ob die das da nicht mehr hätten…Es wurde wohl darauf angespielt, dass man selbt nicht mehr in D kaufen solle und auch bald könne.

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