B´s Version der beiden Grenzschließungen

Ich versuche, meine Gedanken und Ängste nach einer Woche Schockstarre und Sprachlosigkeit in Worte zu fassen. Wohl wissend, dass die Gefühlslage für Aussenstehende schwer zu verstehen ist, das haben etliche Gespraeche mit Freunden gezeigt.

Wir wohnen mit unserer Familie nun seit 18 Jahren in einem kleinen lothringischen Dorf nahe Saarbrücken. Die Entscheidung für den Umzug nach Frankreich war eher einem Zufall geschuldet (Freunde haben Ihr Haus verkauft). Natürlich wurden auch die Vor- und Nachteile betrachtet (mein Lebensgefährte zahlt seine Steuer  in Deutschland, für unseren Sohn zahlen wir Schulgeld in Saarbrücken). Der grosse Garten war entscheidend und dieses schöne Gefühl Europäer zu sein,  ein sicheres Gefühl, das eine Grenzregion zur Heimat macht jenseits nationalen Denkens. Wir haben uns in diesem Europa zu Hause gefühlt. Niemals hätte ich mir diese Entwicklung vorstellen können!

Seit Sonntag fühle ich mich heimatlos!

Es geht mir nicht darum, all die notwendigen Massnahmen im Kampf gegen dieses Virus in Frage zu stellen. Ich stelle nur die Frage, wie es sein kann, dass man daraus ein nationales Problem macht???

Während mein Sohn am Freitag nicht mehr in die Schule durfte, trafen sich seine Freunde noch im Tanzkurs. Bei ihm ging man auf Abstand …ins Risikogebiet wollte keiner mehr und es gab wirklich nur ganz, ganz wenige Menschen, die noch bereit gewesen wären, mit ihm in Kontakt zu treten. Da es ja unangenehm ist, solche Dinge zu sagen, steht man plötzlich vor einer Wand des Schweigens. Können Sie sich vorstellen, wie sich das für einen 14jährigen anfühlt? War das notwendig, wenn die Schulen sowieso geschlossen wurden? Und wenn ja – ich sehe durchaus ein, dass die zu dem Zeitpunkt fragwürdige Bewertung des RKI für die gesamte Grossregion Grand Est Entscheidungen erzwungen hat – so hätte man das mit Sicherheit anders kommunizieren können! Man hätte sich Mühe geben können, zu erklären anstatt den starken Mann zu spielen und die eigenen Wähler mit einer scheinbaren Sicherheit zu beruhigen. Vernünftig betrachtet, ist mein Sohn ein weitaus kleineres Risiko als der Skifahrer von nebenan oder der Peugeot-Mitarbeiter aus Köln oder der Eisdielen-Schlangesteher in Saarbrücken. Aber wer fragt in diesen Zeiten schon nach Vernunft?

Die Ereignisse überschlugen sich und die Frage, ob er nochmal mit einem Kumpel Radfahren kann hat sich ja dann mit der Grenzschliessung eh erübrigt.  Abgeschnitten von der Welt, mit dem Gefühl, dass sie sich auf der anderen Seite einfach weiterdreht. Seit Montag darf er jetzt auch nicht mehr alleine in Frankreich Radfahren … die Ausgangssperre ist hier tatsächlich eine Ausgangssperre und das ist hart!

Die Menschen in unserem Dorf sind sehr diszipliniert. Man sieht niemand auf der Strasse, auch keine Kinder. Das Haus darf man nur noch mit ausgefülltem Formular und triftigem Grund verlassen. Keine ausgedehnten Spaziergänge zu zweit oder mit Familie!

Wenn einem in der Situation der Satz des Herrn Boullion in den Ohren klingelt: Die Franzosen sollen ruhig merken, dass wir kontrollieren! – dann ist das mehr als respektlos! Wenn in der Situation alle Grenzübergänge bis auf Goldene Bremm, Habkirchen und Ueberherrn geschlossen werden, dann ist das für mich unfassbar. All dieser Aktionismus führt zu sehr unschönen Situationen für all die Menschen, die tatsächlich mit franz. Kennzeichen über diese Grenze müssen, weil sie z.B. in einem Krankenhaus oder Pflegeheim arbeiten? Selbst von durchaus intelligenten Leuten hört man Saetze wie: Das geht ja auch nicht, dass die Franzosen uns das Klopapier wegkaufen! Wer sind denn jetzt plötzlich DIE Franzosen? Sind das die Menschen, die in normalen Zeiten dafür sorgen, dass der Einzelhandel in Saarbrücken überleben kann? Haben sich nicht nach Ankündigung härterer Massnahmen auf deutscher Seite, auch die Deutschen im Aldi ums Klopapier geprügelt?

Innerhalb eines Tages ist es legitim, mal erst an sich zu denken! Und da spielt sogar die Nationalität eine Rolle… wie befremdlich für mich!

Aber wir und wie ich hoffe, auch viele andere, vermissen das WIR, die Solidarität, die Menschlichkeit! Und es macht mich wütend zu sehen, wie wenig Enthusiasmus mittlerweile für viele hinter der Idee Europa steht. Zuerst schottet sich ganz Europa gegen die Flüchtlinge ab, dann jedes Land gegen seine Nachbarn und am Ende ein jeder … Das macht grosse Angst!

Mein Grossonkel und sein französischer Freund (fuer mich immer der Onkel Maurice) hatten nach den Erfahrungen des 2. Weltkrieges mit dem Aufbau einer Städtepartnerschaft  fuer ein andere Welt gekämpft, mein Schüleraustausch in den 80er Jahren war ein Schritt in dieses gelebte Europa. Fuer meinen Sohn haben bis vor einer Woche keine Grenzen existiert. Im Herbst hat er mit viel Spass am Schuman-Program teilgenommen. Das ist die Welt, die wir nicht verlieren möchten!

Ja, ich habe auch Angst vor dieser Pandemie und ich habe noch viel mehr Angst davor, was sie mit den Menschen macht.

Und ich habe ganz persönliche Ängste …

Darf mein Kind dann wieder nach Deutschland in die Schule?

Könnte ich mich im Notfall um meinen 82jährigen Vater kümmern, der auf der anderen Seite der Grenze lebt?

Was ist, wenn ich zum Arzt muss? Eigentlich bin ich in Deutschland krankenversichert und meine Ärzte sind alle in SB.

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