In Woche 11 der Grenzschließung und Woche 4 des Déconfinemt: Brief an Tobias Hans, sowie an Herrn Seehofer und Mr. Castaner

Sehr schön auf den Punkt gebracht von A., die beim Blog mitmacht. Großartig zusammengefasst, um was es geht. Und vor allem auch die Dringlichkeit der Aufarbeitung dieser unglückseligen Grenzschließungen wurde deutlich beschrieben. Lest und staunt, dass alle drei Adressaten damit beglückt wurden. Wir sind gespannt, ob es je eine Antwort geben wird von diesen drei. Exemplarisch folgt die Email an Tobias Hans. Der Text an die beiden weiteren Adressaten ist inhaltlich gleich.

Sehr geehrter Herr Hans,

auch wenn viele Stimmen sagen, dass es ja jetzt nur noch 2 Wochen sind, bis man wahrscheinlich zum normalen Grenzverkehr zurueckkehrt und man sich deshalb auch nicht mehr so aufregen muss … ich kann nicht aufhoeren, mich ueber diese Situation aufzuregen und moechte auf diesem Weg nochmal meiner Enttaeuschung Luft machen! in der Hoffnung, dass die Aufregung der BuergerInnen dazu beitraegt, dass die Politik nicht muede wird, eine schnellstmoegliche (also vor dem 15. Juni ) Veraenderung der Situation herbeizufuehren und sich um eine ehrliche Aufarbeitung mit den BuergerInnen beiderseits der Grenze bemueht.

Enttäuschungen

Seit Mitte März sind nun die Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich geschlossen, auch wenn das im offiziellen Sprachgebrauch anders ausgedrückt wird, so fühlt es sich für die Menschen in der Grenzregion genauso an. Wir sind eine deutsche Familie, die seit fast 20 Jahren in einem lothringischen Dorf nahe Saarbrücken lebt. In unserem Alltag vor Corona haben Grenzen keine Rolle gespielt. Selbst in meinem ganzen Leben (ich bin gebürtige Saarländerin) habe ich die deutsch-französische Grenze in dieser Form nie wahrnehmen müssen! 

Von Beginn an haben wir an der Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme gezweifelt. Und die Umsetzung der Grenzumwidmung (das ist wohl das offizielle Wort) und die Kommunikation, mit der Grenzbarrieren seitens Deutschland verteidigt wurden, hat uns sehr enttäuscht und traurig gestimmt. Eigentlich könnte man sagen, wir haben uns „fremdgeschämt“!

Nun war das für alle eine neue und bedrohliche Situation und man kann sich vielleicht manch sinnlose Maßnahme damit erklären, dass einfach niemand wusste, was zu tun ist und die ein oder andere Kurzschlussreaktion (aber sicher nicht ganz ohne politisches Kalkül) politische Tatsachen geschaffen hat. Wir haben durchaus bemerkt, dass man sich im Anschluss an verschiedenen Stellen um Schadensbegrenzung bemüht hat. Aber da ist noch viel, viel Luft nach oben! Und ich bin mal sehr gespannt, wie die Aufarbeitung vorangeht oder ob alles im Sande verläuft, wenn sich die Aufregung gelegt hat und man wieder nur die eigenen Wähler im Blick hat.

Wir haben insgesamt 8 Wochen Ausgangssperre in Frankreich erlebt und uns eigentlich die ganze Zeit gefragt, welche Massen an Menschen man da an den Grenzen zu Deutschland erwartet hat? Es gab wenige Ausnahmen, die einen Grenzübertritt ermöglichten und eine Unmenge an entsprechenden Formularen, teilweise täglich neue Variationen, auf beiden Seiten der Grenze vorzuweisen. 

Mit dem Beginn der Lockerungen in Frankreich (11. Mai) und mit dem Abbau der Barrikaden und Zäune an den bis dahin überhaupt nicht passierbaren Grenzübergängen (16. Mai), hat sich die Situation etwas entspannt – auch optisch und emotional. Aber an der allgemeinen Tatsache, dass man nicht einfach zu seinen Nachbarn darf, hat sich dadurch nichts geändert.

Wir haben diese Situation nach dem 11. Mai in einer Art Aufarbeitungssprojekt mit unserem Sohn in einem kleinen StopMotion Film festgehalten:

Die ganze Hoffnung lag – trotz der Ankündigung, dass die Grenzkontrollen bis zum 15. Juni aufrechterhalten werden – auf dem nächsten Schritt der Lockerungen in Frankreich ab dem 2. Juni.

Denn wenn sich die Bestimmungen im Umgang mit der Krise wieder angleichen, so macht es doch wirklich überhaupt keinen Sinn mehr, dass man die Grenzkontrollen weiterführt?

Also im Saarland darf man sich in einer Gaststätte sehen und in Lothringen darf man wieder ins Restaurant gehen, aber es darf der Saarländer nicht nach Lothringen ins Restaurant und der Lothringer nicht ins Saarland.

Ich kann ans Mittelmeer fahren und mein Bruder aus Saarbrücken an die Nordsee, aber er darf nicht mit dem Fahrrad (alleine!) am Leinpfad die deutsch-franz. Grenze passieren.

Ich darf meine Verwandten in Deutschland besuchen, meine Verwandten aber dürfen mich nicht in Frankreich besuchen.

Ganz zu schweigen von Treffen mit einer befreundeten Familie — das darf weder ich bei meinen Freunden in Deutschland, noch meine Freunde bei mir. Ich kann das ganz gut aushalten, aber für meinen Sohn bedeutet das fast ¼ Jahr ohne Kontakt zu Gleichaltrigen! Da ist einfach jeder Tag zu viel!

In Lothringen dürfen sich 10 Leute mit Sicherheitsabstand treffen und im Saarland dürfen sich 10 Leute mit Sicherheitsabstand treffen, aber wenn sich Lothringer mit Saarländern treffen wollen, bleibt da diese Linie auf der Freundschaftsbrücke – die immer mal wieder wahlweise von der Bundespolizei oder der Gendarmerie „bewacht“ wird. 

Ein Kleinblittersdorfer darf nicht nach Grosbliederstroff Baguette kaufen und ein Grosbliederstroffer darf nicht nach Kleinblittersdorf in die Eisdiele. Das ist absurd! Und hat mit Sicherheit keinerlei Auswirkungen auf Infektionszahlen!

Also ganz einfach gesagt, wenn in Deutschland und Frankreich die Lockerungen im Großen und Ganzen identisch sind, warum darf man dann nicht wieder gemeinsam Europäer sein? Warum leisten sich beide Regierungen dieses Festhalten am 15. Juni? Jeder Tag ist für die Menschen in unserer Region ein Schlag ins Gesicht und man setzt mit einer Öffnung der Grenzen doch nicht die Gesundheit der Menschen aufs Spiel, wenn sich alle an die Regeln halten. ABER man setzt mit dieser Grenze den Glauben an Europa aufs Spiel, man verletzt Menschen, die seit Jahrzehnten einen freundschaftlichen Umgang miteinander pflegen und man lässt denen Raum, die schon immer unverbesserlich waren und jetzt wieder offen ihre Ressentiments äußern. 

Vielleicht haben Sie eine plausible Erklärung für mich?

Ich würde meinen, dass man mit etwas Willen für diese Region einen Kompromiss finden könnte, der deutlich über das lange angekündigte neue deutsch-französische Einheitsformular hinausgeht. Auf den Internetseiten der französischen Regierung (auf den Seiten der Bundespolizei ist es bis jetzt noch nicht zu finden) kann man sich diese neue zweisprachige Version der Selbsterklärung zur Vorlage beim Grenzübertritt herunterladen:

Attestation franco-allemande unique de franchissement de la frontière franco-allemande

https://www.interieur.gouv.fr/Actualites/L-actu-du-Ministere/Attestation-de-deplacement-et-de-voyage

Leider haben die Verantwortlichen hier nicht verstanden, dass das Problem der Menschen in unserer Grenzregion nicht mangelnde Sprachkompetenz ist (unsere französischen Nachbarn sind oft zweisprachig und auch im Saarland gibt man sich einigermaßen Mühe, den Kindern ab der Grundschule Französisch beizubringen, wobei man von der angestrebten Zweisprachigkeit noch Lichtjahre entfernt ist). 

Dieses Formular ist eine große Enttäuschung, weil es nach wie vor nicht erlaubt ist, die Grenze ohne triftigen Grund zu passieren und was ein triftiger Grund ist, bleibt in Deutschland und Frankreich auch weiterhin unterschiedlich! Das ist wirklich eine traurige Farce! 

Ich würde mir wünschen, dass man den Menschen in unserer Region mehr Respekt entgegenbringt und eine Erklärung für das Festhalten an den Kontrollen veröffentlicht (gerne auch zweisprachig 😉 –  und sie nicht ein x-tes sinnloses Formular im Internet suchen lässt.

Ich habe meine Gedanken in ähnlicher Form auch an den Bundesinnenminister Seehofer und den französischen Innenminister Castaner verschickt – mit geringer Hoffnung auf eine wirkliche Antwort auf meine Frage. 

Mit freundlichen Grüßen

A.

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